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Zum Ende der Seite springen Der Mythos vom Röhrenklang
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SonicAudio SonicAudio ist männlich
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Dabei seit: 02.04.2009
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Spezialist: Audiotechnik, Elektroakustik
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Der Mythos vom Röhrenklang Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Es ist schon frappierend genug, wenn in diversen Audioforen eine eingeschworene Glaubensgemeinschaft ihre akustischen Trugbilder bis aufs Messer verteidigt, umso schlimmer fällt es jedoch auf, wenn dies auch noch in der Profiszene internationaler Tonstudios vorkommt. Gerade hier müßte man meinen, sollten solche Mythen und Mißverständnisse keine Nahrung mehr finden, aber weit gefehlt, so kann es leider auch heute noch immer zu jener irrationalen Form dümmlicher Religiosität kommen, wo ein Tontechniker buchstäblich seine Seele für diese merkwürdige Überzeugung opfern würde.

Ist in einem bestimmten Gerät erstmal eine Schaltung für eine spezifische Bestückung entwickelt worden, so kann das optimale Ergebnis auch nur mit denselben Komponenten erzielt werden. Dieser Umstand ist allerdings niemals einem einzelnen Bauteil innerhalb des Signalwegs zuzuschreiben, sondern immer und ausschließlich dem Zusammenwirken der kompletten Schaltung. Um dies zu begreifen haben offenbar einige Spezialisten massive Probleme, wie ich kürzlich wieder feststellen mußte.

Ob es wirklich hörbare Klangunterschiede gibt oder ob sich die Leute einfach nur etwas einreden, kann man einzig und alleine im doppelten Blindversuch herausfinden. In diversen Foren werden zwar im Brustton der Überzeugung gern Klangunterschiede zwischen 12AX7 bzw. ECC83 diverser Hersteller diskutiert, aber alleine schon die Beschreibung der angeblichen Klangunterschiede läßt technisch auch nur einigermaßen Versierte den Kopf schütteln. Wie kann es sein, daß sich Röhre X durch straffe Bässe und Röhre Y durch prägnante Mitten auszeichnet, während Röhre Z seidige Höhen produziert? Die Antwort lautet, daß dies einzig und alleine der Phantasie dieser Leute entspringt, denn im Audiofrequenzbereich kann man keinerlei Unterschied im Frequenzgang zwischen 12AX7- bzw. ECC83-kompatiblen Röhren feststellen. Dies ist leicht erklärbar, denn sofern die obere Grenzfrequenz nicht erreicht ist, hängt der Frequenzgang nur von der äußeren Beschaltung der Röhre ab, ist also unabhängig von der Röhre selbst.

Speziell in der von manchen Leuten gern als Argument genutzten Impulswiedergabe gibt es keinerlei Unterschied, denn eine Röhre ist kein Lautsprecher, bei dem die Membran wegen zu geringer Bedämpfung nachschwingen kann, sondern ein elektronisches Bauelement, bei dem solche Effekte im Audiofrequenzbereich überhaupt nicht auftreten können. Es gibt jedenfalls keinen einzigen physikalischen Effekt, der eine Ungleichbehandlung verschiedener Frequenzen unterhalb der oberen Grenzfrequenz erklären könnte. Man könnte natürlich behaupten, daß die Technik nicht alles messen könne, was das geschulte menschliche Ohr hören könne. Dem ist aber in der Realität ganz und garnicht so. Es bestätigte sich vielmehr immer wieder, daß man mit hoher Präzision Unterschiede messen kann, die kein Mensch klanglich zu unterscheiden in der Lage ist, und das war auch damals schon der Fall. Objektiv wirklich vorhandene Klangunterschiede (doppelter Blindversuch!) konnte man durch geeignete Meßverfahren bislang immer noch bestätigen.



Auf der anderen Seite muß man sich einmal ansehen, wie die selbsternannten Experten mit den Goldohren ihre Hörversuche durchführen. "Wissenschaftlich nicht relevant" ist dabei eine höfliche Umschreibung dafür, daß man einen Röhrenverstärker probehört, ausschaltet, die Röhre(n) wechselt, wieder einschaltet und warmlaufen läßt, noch einmal probehört und dann eine Bewertung abgibt - und dies alles eigenhändig, d.h. unter Kenntnis, welche Röhren zu welcher Zeit im Verstärker stecken. Mir ist jedenfalls kein einziger, nach wissenschaftlichen Maßstäben durchgeführter doppelter Blindversuch bekannt, der Klangunterschiede zwischen besagten Röhren nachweist. Wenn der Proband weiß, welche Röhre gerade im Verstärker steckt, kann man überspitzt gesagt auch auf den Hörversuch ganz verzichten und gleich fragen, welche Röhre der Proband sympathischer findet. Außerdem wäre objektiv gesehen ohnehin kein Mensch in der Lage, nach der für einen Röhrenwechsel benötigten Zeit (das sind incl. Anheizzeit bis zum Erreichen einen stabilen Zustands etliche Minuten) geringe Klangunterschiede festzustellen; sie sind ja immerhin so gering, daß Normalsterbliche sie nicht hören können. Vielmehr braucht man dafür zwei absolut identische Verstärker, zwischen denen man hin- und herschalten kann. Aber einen solchen Aufwand treiben die Herren Spezialisten mit den Goldohren entweder garnicht oder zumindest nicht methodisch korrekt. Sie sind fast immer Proband, Versuchsdurchführer und Auswerter in Einem, und betrachten eine solche Vorgehensweise sogar auch noch als objektiv.

Ein korrekt durchgeführter doppelter Blindversuch läuft grob gesehen folgendermaßen ab:
Der Versuchsdurchführer, der den Umschalter bedient, schaltet zuerst auf Anweisung des Probanden zwischen den Geräten um, damit sich dieser mit deren Klang vertraut machen kann. Beiden Personen bekannt ist zu diesem Zeitpunkt nur die Schalterstellung, nicht aber welche Geräte sich dahinter verbergen. Dann beginnt der eigentliche Test. Der Versuchsdurchführer schaltet viele Male nach einem vom Versuchsleiter vorgegebenen Schema zwischen den zu untersuchenden Geräten hin und her, ohne die Schalterstellung dem Probanden zu verraten und notiert die vom Probanden genannten Ergebnisse. Wichtig dabei ist, daß der Proband nicht aufgrund von Lautstärkeunterschieden, Zeitversatz der Musikwiedergabe zwischen den beiden CD-Spielern o.ä. Rückschlüsse auf das Gerät ziehen kann. Danach wird ausgewertet.

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